12.10.2021. Es ist 20:45 Uhr. Ich liege in meinem Bett und schaue mir ganz entspannt einen Film an. Klassisch ich: Drama. Ich freue mich, denn heute Nacht sollen die Nordlichter besonders stark sein. Einen Index von 7,33 hatten wir bisher noch nie. Wir müssen also wach bleiben.

Mein Film nimmt gerade eine tragische Wendung, als ein komisches Geräusch den Film stört. Das Geräusch passt da irgendwie nicht rein. Feuermelder im Film? Nein, definitiv nicht. Ich sehe Debbie etwas sagen und nehme die Kopfhörer ab. Jetzt checke selbst ich, dass das Geräusch nicht in meinem Film, sondern der echte Feueralarm ist. Debbie und ich schauen uns an und verdrehen die Augen. Bestimmt wieder ein Fehlalarm in der Lodge, wie die letzten Male.

Aber dieses Mal ist der Feueralarm anders. Dieses Mal hält er länger an. „Lass uns raus gehen, das ist besser für unsere Ohren.“ Wir ziehen unsere Schuhe an, um nach draußen zu gehen. Da sind sie, die Nordlichter. So breit und schön, wie wir sie selten gesehen haben. Sie tanzen. Sie sind grün und lila. Wir sind überwältigt. Zeit für Fotos. „Wir sollten unsere Kamera holen und Bilder machen.“

Erst Stück für Stück bemerken wir den Trubel um uns herum… Wir gehen um die Ecke und sehen den Grund für den Trubel – und den Feueralarm. Dieses Mal war es kein Fehlalarm… Die Lodge, unser Haupthaus, steht in Flammen. Die Sauna hat Feuer gefangen und brennt lichterloh. Kein Wunder bei einem Gebäude, das vollständig aus Holz gebaut ist.

Mein erster Gedanke: „Fuck!“… „Sucht nach Feuerlöschern überall. Wir brauchen alle, die wir finden können.“ Es bleibt keine Zeit um nachzudenken. Wir rennen los und suchen überall auf dem Gelände nach Feuerlöschern und bringen sie zu den anderen. Nachbarn bringen ihre eigenen Feuerlöscher zur Unterstützung. Aber alles hilft nichts. Ist das Feuer aus, fängt der Rauch nach einer halben Minute wieder an zu brennen. Wir haben keine Chance. Wo bleibt die Feuerwehr? In diesem Moment überlege ich ernsthaft, ob es hier überhaupt etwas wie eine Feuerwehr gibt? Plötzlich schießt ein Feuerball aus dem Fenster des Office. Das ist nicht gut. Das ist gar nicht gut.

Gefühlte Stunden später sehen wir endlich das heiß ersehnte Blaulicht. Jetzt wird alles gut. – Denke ich. Aber die Feuerwehr, die zur Hilfe kommt, ist die freiwillige Feuerwehr und macht auf uns einen etwas ahnungslosen Eindruck. Das kann doch nicht wahr sein!! Soll unser Abenteuer tatsächlich schon vorüber sein? Unsere Jungs helfen den Feuerwehrleuten alles zu verlegen. Wir sind nervös. Wenn die so weiter machen, brennt das komplette Haus nieder.

Da kommen plötzlich drei weitere Feuerwehrautos. Hoffentlich wissen die, was sie machen. Ja wissen sie. Zum Glück. Innerhalb weniger Minuten läuft alles sehr strukturiert ab. Es wird ein Lageplan erstellt und jeder weiß plötzlich was zu tun ist. Das Feuer ist schnell gelöscht und die Feuerwehr dringt ins Gebäude vor, um das Ausmaß des Schadens zu erkunden. Wir stehen an der Seite und fühlen uns etwas fehl am Platz. Können irgendwie nicht wirklich behilflich sein… Langsam frieren meine Füße in meinen Sneakern. Ich traue mich aber nicht, mich auch nur einen Zentimeter zu bewegen.

Es ist 23:00 Uhr. Es scheint, als könnten wir wirklich nichts mehr helfen. Zum Glück gehen auch andere wieder rein und ich kann meine Füße auftauen. Verrückt, wie kalt es in den letzten Tagen plötzlich geworden ist. Wir sitzen in unserer Küche und warten auf neue Informationen. Strom und Wasser sind abgestellt. Wir versuchen mit Stirnlampen die Räume zu erhellen. Eigentlich sollten wir ins Bett. Wir müssen um 07:00 Uhr wieder arbeiten, denn die Hunde wollen trotzdem versorgt werden. Wer von uns könnte allerdings momentan wirklich schlafen…?

13.10.2021 06:15 Uhr. Der Wecker klingelt. „How was your night?“ „Really shitty and yours?“ „Mine? The same…!“ Das wird ein langer Tag. Es fühlt sich seltsam an, zurück zur Routine überzugehen, ohne wirklich zu wissen, wie es aussieht. Kann die Lodge erhalten bleiben? Müssen wir alle wieder nach Hause, weil es keine Saison geben wird? Alles Fragen, auf die niemand eine Antwort hat.

17:30 Uhr. Es gibt ein Update für alle. Wir treffen uns alle im Konferenzraum. Die Stimmung ist angespannt, keiner weiß so richtig welches Verhalten richtig ist. Da kommen Johan und Sara. Sie bringen Mandarinen, Donuts, Schokolade, Wasser und Cola. „Der Körper braucht Süßes in solchen Zeiten“, sagt Sara fröhlich witzelnd. Johan hat ein großes Glas und eine Flasche Bier dabei. „Sorry, aber das brauche ich jetzt“, lacht er. Es steht nicht gut um das Haupthaus, aber es ist nicht der Worst Case. Sara und Johan sind froh, dass niemandem etwas passiert ist. Alles andere ist für die beiden lediglich ein materieller Schaden. Das Haus kann stehen bleiben, muss von innen jedoch komplett kernsaniert werden. Es fällt uns ein Stein vom Herzen. Ein riesen Stein. Auch wenn das für alle einen Haufen Arbeit bedeutet.

Alle sind sehr glücklich darüber, dass die Saison stattfinden wird. „Wir werden am 18.12.2021 die Lodge wiedereröffnen. Da gibt es kein ob oder falls.“ Ich bewundere den Optimismus, die Stärke und die Zuversicht von Johan. Auch wenn die Geschehnisse für ihn schrecklich sind, hat er trotzdem einen Witz und ein Lächeln auf Lager. Auch Sara zieht lediglich für sich Verbesserungspotentiale aus dem Geschehenen. Kein Ärger, kein Groll, keine Vorwürfe. Mehr Herzlichkeit, mehr Fürsorge und mehr Tatendrang. Die nächsten Wochen werden harte Wochen, aber es wird sich lohnen. Und am 18.12.2021 wird dann durchgestartet mit der Saison!

 

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